The Polaroid-Project

ME, THE PASSENGER

Ich fahre mit dem Zug. Jeden Tag. Immer mit dem Gleichen. Immer die gleiche Strecke. Obwohl, neulich sind wir über Ludwigsburg gefahren. Alle waren ganz irritiert. Hat auch keiner erklärt warum. Aber angekommen sind wir dennoch. Ein wenig später, ok.

Interessant wird’s dann, wenn der Zug angekündigt wird und sich alle in Position bringen. Es gibt viele, die haben immer den gleichen Startblock. Das sind dann aber auch diejenigen, die am lautesten schimpfen, wenn das geschulte Zugauge erkennt, dass der Zugführer zu früh oder spät anbremst. Dann nützt der beste Startblock nichts. Achtung, das 100 Meter Finale startet heute ausnahmsweise bei 12 Meter 40. Die haben dann keine Chance mehr. Aber es gibt auch ein paar Agenten, die aus dem Hinterhalt agieren. Die mag ich besonders. Tun so völlig unbeteiligt, stehen in 2ter Reihe, aber wenn’s auf die letzten Meter geht, dann kommen die angeschossen wie die Wespen. Aber die meisten von denen kenne ich – die musste im Augenwinkel behalten.

Aber die immer gleichen Leute haben sich dann auch wie immer schon 10 Minuten vor der Ankunft Richtung Tür aufgemacht. Dann stehen sie und werden durch die vielen Weichen im Bahnhof hin und her geschüttelt. Denn wir kommen irgendwie ganz rechts an und müssen rüber bis auf Gleis 15. Aber sie wollen ja die Ersten sein die raus dürfen. Sind sie aber oft nicht. Denn wenn man clever ist und die Tür in der entgegengesetzten Richtung anpeilt, ist man schneller außen am Zug vorbei als die, die mittlerweile seit mehr als 10 Minuten stehen. Super Trick.

Und langsam fange ich an, mir für die immer gleichen Mitreisenden, Rollen zu überlegen. Da ist z.B. der Ministrant. Ungefähr 35 Jahre alt und bekommt sicherlich jeden Morgen von der Mama das beige Jacket übergestreift. „Schick siehst’e aus, mein Junge. Und nein, die Hose ist nicht zu kurz, die sollte knapp über dem Knöchel enden.“ Er hat übrigens jeden einzelnen Tag das Gleiche an. Immer.

Oder der ältere Herr mit dem steifen Bein und dem Stock. Aber Vorsicht, der weiß den Stock einzusetzen. Hat mich beim Einsteigen schon zweimal sehr geschickt abgeblockt. Mit dem Stock. Und da er dazu noch eine selbsttönende Brille trägt, kann man ihm nicht ins Auge sehen. Aber wenn der Sommer erstmal vorbei ist und es morgens noch dunkel ist – dann schaue ich ihm mal tief in die Augen.

Vorletzte Woche hatten wir einen Neuen im Zug. Und jetzt kommt’s – ich glaube es war Brody aus der Serie Homeland. Unglaublich, 1:1, gleicher Blick, gleiches Gesicht. War aber vollkommen harmlos, ist nur mitgefahren.

Gestern hatten wir eine Zugchefin aus dem Osten der Republik. Ich glaube die war mal beim Militär oder hatte früher sicherlich mehr zu sagen. Und da die Bahn mal wieder knallevoll war, schallte ein morgendlicher Wachruf durch den Wagon „Daschn homm uff’m Sitz gor nisch zu suuchn…“. Klare Ansage. Da brauchste an Schlaf nicht mehr zu denken. Vorbei.